Botox — Vom Wurstgift zum Goldesel: ein Plädoyer für die Lachfalten
4. April 2025
Botox — Vom Wurstgift zum Goldesel: ein Plädoyer für die Lachfalten
Botox — ein Name, der in der Dermatologie und Ästhetik fast genauso allgegenwärtig geworden ist wie täglicher Sonnenschutz. Aber nur wenige Menschen wissen: Die Entwicklung vom Tellerwäscher zum Millionär war nicht vorherzusehen. Der Beginn dieser Geschichte liegt mehr als 40 Jahre zurück — die erste therapeutische Anwendung mit Botulinumtoxin erfolgte 1977 zur Behandlung von Strabismus. Ursprünglich als „Wurstgift“ bekannt, war es bis dato kein Therapeutikum, sondern ein gefährliches Toxin, das durch verdorbenes Fleisch Vergiftungen verursachte. Wer hätte damals vorhersagen können, dass Botox zu einem festen Bestandteil der Beauty - Routine von Hollywood-Stars und einem Goldesel für viele Schönheitspraxen werden würde?
Ärzte begannen in den frühen 1980er Jahren, Botox zur Behandlung von Strabismus zu verwenden. Später setzte man es auch für andere medizinische Zwecke wie die Therapie von Spastiken, Migräne und Hyperhidrose ein. Bald wurde jedoch entdeckt, dass Botox eine Rolle in der ästhetischen Medizin spielen könnte, und so wurde es letztendlich zu dem Wundermittel gegen Falten, das heute jeder kennt.
Aktuell ist Botulinumtoxin ein wesentliches Produkt in der dermatologischen Ästhetik, aber es stellt mittlerweile gleichzeitig eine interessante therapeutische Option in anderen Fachbereichen dar. Wie bei jedem Beauty- Hype gibt es auch hier Kontroversen. In einer Zeit, in der der Traum von ewiger Jugend zunimmt, gibt es sowohl positive als auch kritische Stimmen.
Stars und Influencer, die von ihrem makellosen, jugendlichen Antlitz profitieren, haben Botox in ein Totem der Schönheit und Selfcare verwandelt. Botox-Partys, Baby-Botox: Botox hat sein soziales Stigma abgelegt und ist Mainstream geworden. Es ist unmöglich zu ignorieren, wie die Nachfrage in den letzten Jahren gestiegen ist, wobei Botox sowohl im Bereich der Ästhetik als auch in seiner Rolle bei der Behandlung von Hyperhidrosis und Migräne an Bedeutung gewonnen hat.
Aber dieser Boom hat auch seine Schattenseiten. Nicht jeder Botox-Arzt geht gleich an die Sache heran. Und viele Patienten gewöhnen sich an ihre faltenfreien Gesichter und wollen immer „perfekter“ aussehen. So entsteht ein Phänomen unter den Stars, der High Society, aber auch im Alltag: Menschen, die zu viel Botox im Gesicht und so keine Mimik mehr haben — sogenannten Frozen Faces. Das sind Gesichter, bei denen man durch die stark abgeschwächte mimische Muskulatur nicht mehr weiß, ob sie überrascht, wütend oder glücklich sind, weil sich buchstäblich nichts in ihren Gesichtern bewegt. Einige sagen, dass die Frozen Faces zu einem Symbol für den Schönheitswahn in unserer Gesellschaft geworden sind.
Da ein Großteil unserer nonverbalen Kommunikation über unsere Gesichter erfolgt, ist diese Kritik meiner Meinung nach nicht unbegründet. Wir sprechen nicht nur mit Worten, sondern auch mit unserem Gesicht. Mit unserem Stirnrunzeln und den kleinen Lachfalten, die unseren Augen Wärme und Freundlichkeit verleihen. Wenn all dies durch Botox verschwindet, sieht unser Ausdruck matt, distanziert, kalt aus — vielleicht ist auch das der Grund, warum der Begriff „eingefrorenes Gesicht“ so gut passt.
Unsere Emotionen machen uns menschlich. Und das Gesicht ist der Spiegel unserer Emotionen - sei es Wut, Traurigkeit, Freude. All dies trägt dazu bei, den Charakter eines Menschen zu bilden, es macht ihn aus.
Und insbesondere die Lachfalten! Diese herrlichen feinen Linien, die beim Lächeln und Lachen um die Augen und an den Mundwinkeln erscheinen. Sie sind für mich weniger Zeichen des Alters, die man auslöschen sollte, sondern eher Erinnerungen an Glück und Fröhlichkeit, die es wertzuschätzen gilt. Sie stehen für die zahlreichen Male, die wir gelacht haben, die schönen Momente, die wir erlebt, die Erfahrungen, die uns geformt haben.
Lachen ist die beste Medizin, sagt man — und es könnte durchaus ein Lebenselixier sein. Man muss sich die Frage stellen, was wir verlieren (außer ganz schön viel Geld für ein paar Einheiten Botox), indem wir auf diese „Lebensbeweise“ verzichten. Und zwar nur, um ein Ideal von Jugend zu verfolgen, das nicht weniger vergänglich ist als ein momentaner TikTok - Trend.
Die Ausdruckskraft unseres Gesichts zu verlieren, weniger sympathisch, weniger zugänglich für unsere Mitmenschen zu sein — warum tolerieren wir das? Ich verstehe, dass wir medizinischen Maßnahmen, die versprechen, jede Spur des Alters zu vernichten, nur schwer widerstehen können. Gerade in einer Gesellschaft, die das Altern fürchtet.
Und es ist nicht meine Absicht, Botox insgesamt zu verteufeln. Ich plädiere nur für ein natürliches Ergebnis, für das Maß der Ausgewogenheit. Denn die wahre Kunst der Ästhetik ist es doch, Ergebnisse zu erzielen, die sowohl natürlich – menschlich - als auch attraktiv sind.
Viele Filmstars schwören auf das sogenannte „Baby-Botox“. Dies ist eine sanftere Version von Botox, bei der nur kleine Dosen der Substanz in die Muskulatur injiziert werden. Das Ergebnis: eine subtilere Weichzeichnung des Ausdrucks, mit weniger tiefen und prominenten Linien - die grundlegende Ausdrucksfähigkeit des Gesichts bleibt weitgehend intakt.
Das ist gerade für Schauspieler wichtig, da es ihre Fähigkeit, Emotionen auf der Leinwand zu vermitteln, nicht einschränkt. Schließlich ist es gerade die Mimik, die einem Charakter Tiefe und Authentizität verleiht. Aber auch für uns Normalsterbliche ist es wichtig, im Alltag unsere Emotionen durch unser Gesicht auszudrücken.
Ich bin trotz meiner Kritik ein großer Fan von Botulinumtoxin; es ist sowohl in der Ästhetik als auch in anderen Fachbereichen ein sehr wirksames therapeutisches Mittel, das tatsächlich auch Menschen hilft, die unter chronischen gesundheitlichen Problemen leiden. Zum Beispiel bei der Behandlung von Hyperhidrose. Für Patienten, die von überaktiven Schweißdrüsen — an Händen, Füßen oder Achselhöhlen — geplagt werden, kann Botox eine echte Erleichterung sein. Schweißige Hände und große Schweißflecken beeinträchtigen das Selbstbewusstsein und schränken diejenigen, die unter solchen Problemen leiden, schwer im Alltag und sozialen Interaktionen ein. Es gibt einige Optionen - Iontophorese, Aluminiumchlorid, Salbei – um nur einige zu nennen. Aber für manche Patienten funktioniert nur Botulinumtoxin langfristig.
Botox wird jedoch zunehmend in anderen Fächern als der Dermatologie, zum Beispiel in der Neurologie genutzt. Als therapeutische Option für Migräne und chronische Spannungskopfschmerzen hat es sich bereits bewährt. Botox ist darauf ausgelegt, eine muskuläre Entspannung in betroffenen Regionen zu erreichen und so den Patienten in vielen Fällen über einen längeren Zeitraum hinweg Linderung von den Schmerzen zu verschaffen; manche Menschen können so nach einem langen Leidensweg endlich ein Leben ohne orale Schmerzmittel führen. Für bestimmte Patienten mit chronischen Schmerzen ist Botox dadurch der heilige Gral.
Botulinumtoxin ist trotz Namen wie dem diminutiven „Baby-Botox“ sowohl ein starkes Neurotoxin als auch ein potentes therapeutisches Medikament. Bei richtiger Anwendung und richtiger Dosierung sind schöne und dezente Ergebnisse in der Ästhetik möglich.
Ich plädiere aber dafür, dass es auch Aufgabe der dermatologischen Ästhetik ist, den natürlichen Gesichtsausdruck und die Schönheit des menschlichen Gesichts zu bewahren — und dabei die Lachfalten und somit das Leben zu feiern. Denn sie sind nicht nur Zeichen des Alterns; sie sind Zeichen der Lebensfreude und der unzähligen Emotionen, die unsere Existenz definieren. Man sollte nie vergessen, dass es echte Schönheit jenseits eines „perfekten“, faltenfreien Gesichts gibt — in der Authentizität und der Fähigkeit, zu lachen und das Leben zu genießen.
Und ich hoffe, dass ihr daran denkt, wenn ihr das nächste Mal euer Gesicht kritisch im Spiegel beäugt!
Eure Constanze